Schneckenpost
Ich hatte schon lange keinen Tag mehr, an dem ich ernsthaft überlegt habe, ob irgendwo Kameras versteckt sind, weil das, was gerade geschieht, einfach nicht wirklich passieren kann. Bis gestern.
Als ich um 09:40 Uhr aus dem Hause gehe, gucke ich kurz in den Briefkasten, fische einen Brief und eine Postkarte heraus, gehe weiter und denke beim ersten Blick auf die Postkarte nur, dass die aber seltsam gelblich ist. Komische Kinderschrift, ist mein nächster Gedanke, ich gucke also erneut auf die Adresse, ob ich mich auch nicht verlesen habe und die Karte wirklich für mich ist. Ein Adressaufkleber klebt über Straße und Ort, von der Post angebracht, “Ermittelte Anschrift” steht da, gefolgt von der ersten Adresse, die ich im Leben hatte, die wiederum von Hand durchgestrichen und durch meine aktuelle Adresse ersetzt wurde. Seltsam.
Der Blick wandert zurück zum Text - wo ist die Unterschrift, von wem kommt diese Karte? Vanessa. Vanessa? Das war meine beste Freundin in den ersten Gymnasialjahren, aber wir haben uns seit Jahren nicht mehr gesprochen. Kenne ich noch eine andere Vanessa? Und wieso sieht die Schrift so kindlich aus? Ich gucke hoch zur Anrede - kein Zweifel, diese Karte stammt von eben jener Vanessa, denn diesen Spitznamen benutzt niemand mehr für mich. Es ist ein Urlaubsgruß von Mallorca, dort war sie früher jedes Jahr mit ihrer Familie.
Nun fällt mir auch auf, dass dort “Schülerin” über meinem Namen steht. Und ein “BRD” lugt unter dem Adressaufkleber der Post hervor. Ich pule den Aufkleber vorsichtig ab und sehe darunter zwei übereinander geschriebene Adressen - eine war mal mit Tinte aufgeschrieben und weggekillert, die andere dann mit dem Tintenkiller drübergeschrieben. Offensichtlich kommt Weggekillertes also nach etlichen Jahren wieder zum Vorschein. Aber nach wie vielen Jahren?
Die Postleitzahlen sind eindeutig vierstellig, und dann ist da dieses “BRD” unter der Adresse. Ich suche nach einem Datum, aber natürlich hat Vanessa keins draufgeschrieben - warum sollte sie auch. Ganz dünn scheint noch ein mit Buntstift geschriebenes “Bis bald!” unter dem Poststempel durch. Doch siehe da, der Stempel selbst ist noch einigermaßen leserlich: 1990 wurde die Karte in Spanien abgestempelt, irgendwann im Juli. Also ungefähr vor 20 Jahren und 10 Monaten - vor der Wiedervereinigung und vor der Einführung der fünfstelligen Postleitzahl und der Erfindung von Rolf, der unsäglichen Comic-Hand.
Ich weiß gar nicht, was mich nun mehr fasziniert: dass die Karte offenbar fast 21 Jahre irgendwo verschollen war und nun wieder aufgetaucht ist, oder dass sie mich erreicht hat, obwohl ich seitdem mehrfach umgezogen bin und nun in einer 1,8-Millionen-Stadt wohne. Aber in fast 21 Jahren hätte sie es wohl sogar auf dem Rücken einer Schnecke (wenn diese denn lange genug lebte und über die Meere käme) mehrfach um den Globus schaffen können, da ist eine Entfernung von unter 100 km wohl kein Problem. Oder vielleicht lag sie ja auch all die Jahre bloß in irgendeinem Schuppen.
“Sdg nachadressiert wg. unkorrekter Anschrift”, schreibt die Post oben auf dem Adressaufkleber. Und “Bitte Abs. verständigen!” Mach ich, liebe Post. Vanessas Eltern wohnen noch immer im selben Haus wie früher - ich mach’s also am Besten per Post.
Mai 3rd, 2011 at 22:26
Ich bin fasziniert!
Mai 4th, 2011 at 18:58
Vielleicht sind so manche Briefe, auf die ich nie eine Antwort erhielt, ja auch schlicht und ergreifend noch unterwegs?
Mai 24th, 2011 at 17:40
*träne wegwisch* Du du du meinst also, dass mir mein Schwarm aus der 10ten Klasse doch auf meinen Liebesbrief geantwortet hat, er aber bisher nicht ankam?
Ich kann wieder hoffen?!