Teenie verzweifelt gesucht
Was für ein Start: Nach einer grauenhaften Anreise in einem viel zu heißen Bus von 9-16 Uhr und einem viel zu kalten Bus von 20-6 Uhr - Letzterer gelenkt von Busfahrern, die die allerletzten Arschlöcher waren - durften wir wegen der unglücklichen Planung, die uns fürs erste Treffen vorgegeben wurde, wie die Irren von A nach B hetzen, um schließlich ohne eine Sekunde Schlaf oder auch nur eine kurze Dusche wieder auf die missgelaunte Meute zu treffen. Diese hat sich aufgeführt, als sei es totale Folter, an den Strand gehen zu müssen, und war dann sichtlich erleichtert, als wir sie nach reichlich organisatorischem Zeugs in ihre wohlverdiente Freizeit entlassen haben. Unnötig zu erwähnen, dass unsere Freizeit noch lange nicht anbrechen sollte …
Gegen 21 Uhr - als wir dachten, nun haben wir vorerst alles geregelt und können bald ins Bett gehen, in meinem Fall immerhin nach 40 Stunden auf den Beinen - bekamen wir dann plötzlich einen Anruf, dass ein Junge verschwunden sei. Sein Handy hatte er vorsichtshalber bei der Gastfamilie vergessen, ebenso wie die Adresse und den Stadtplan. Ist ja alles nicht so wichtig, wenn man den ersten Tag in einem neuen Ort ist und vollkommen übermüdet durch die Weltgeschichte eiert.
Ein Anruf bei seiner (vermeintlichen) Freundin ergab, dass er sie nach Hause gebracht hat und dort gegen 18 Uhr gegangen war. Die einzige zusätzliche Information, die uns erreichte, war, dass er es gegen 19 Uhr wohl geschafft hatte, einen Fremden zu bitten, für ihn bei seiner Gastfamilie anzurufen, um nach dem Weg zu fragen, und dass dieser Fremde wohl der Gastfamilie versprochen hatte, ihm den richtigen Weg zu zeigen. Seitdem nichts mehr - was uns letztlich mehr beunruhigt hat, als wenn es gar keinen Anruf gegeben hätte.
Der Versuch, seine Gastfamilie aufzusuchen, um zu klären, was nun wirklich Sache ist, zeigte uns dann erstmal, dass ihn auch der mitgeführte Stadtplan nicht weiter gebracht hätte, denn die Straße war schlicht nicht dort, wo sie laut Stadtplan sein sollte. Und diverse von uns rausgeklingelte Anwohner in der Gegend hatten auch noch nie von der Straße gehört. Bei der Gastfamilie war laufend besetzt, und als wir irgendwann durchkamen, hat uns die Gastmutter den Weg erklärt und gesagt, dass ihr Mann uns entgegenkommen würde, da das Haus schwer zu finden sei - da hat sie nicht übertrieben.
Bei der Gastfamilie angekommen, durften wir eine hysterische Gastmutter erleben, die die ganze Zeit mit der Polizei telefoniert hat, und einen entzückenden Gastvater, der versucht hat, uns die Lage zu erklären, aber seine hysterische Frau kaum übertönen konnte, obwohl wir in einem anderen Raum saßen. Ich bekam dann einen Anruf von unserer Ansprechpartnerin vor Ort, weil sich der Junge nun doch ein zweites Mal gemeldet hatte, und versuchte verzweifelt, mir die Kontakttelefonnummer und den Ort aufzuschreiben, während mich die Gastmutter hysterisch ankeifte, weil sie meine Handynummer für die Polizei haben wollte. Der mehrfache Hinweis darauf, dass wir wissen, wo der Junge ist, und ich mir jetzt nur Adresse und Telefonnummer aufschreiben muss, wurde geflissentlich überhört, bis ich sie einfach nur noch ignoriert habe.
Da wir Betreuer ja zu Fuß unterwegs waren, erklärte sich die Gastfamilie großzügig bereit, den Jungen selbst abzuholen. Wir dürften aber selbstverständlich nicht mitkommen, meinte die Gastmutter, denn der Junge sei ja wohl aufgelöst genug und müsse jetzt nicht noch so viele Menschen sehen. Da habe ich mich dann aber quergestellt: Klar, mitnehmen müssen sie uns nicht, aber wir werden dann eben vor ihrem Haus warten, bis sie zurück sind, da wir keinesfalls nach all der Aufregung nach Hause gehen können, ohne selbst zu sehen, dass es ihm gut geht. Passte Madame überhaupt nicht, und sie wollte ernsthaft noch Streit darüber anfangen, aber ihr Mann hatte Verständnis dafür und sagte, wir sollen dann eben doch mitkommen, es sei ja albern, uns jetzt so lange vor dem Haus stehen zu lassen.
Im Auto keifte die Gastmutter uns weiter an - für sie war das ganze Chaos unsere Schuld, sie habe noch nie so unorganisierte Betreuer erlebt und es sei ja wohl ein Skandal, dass der Junge keinen Stadtplan habe. Ich musste mich sehr beherrschen, sie nicht zu fragen, ob sie meint, wir sollten den Kindern die Stadtpläne an die Hände tackern, und die Handys noch dazu - habe es aber tatsächlich geschafft, lediglich zu erklären, dass selbstverständlich alle Teilnehmer Stadtpläne besaßen und er den eben genau wie sein Handy vergessen hatte. Dass ihm der verdammte Plan in diesem Fall nicht mal geholfen hätte, habe ich in der Aufregung sogar vergessen.
Den armen Jungen fanden wir dann schließlich wie einen begossenen Pudel an der Strandpromenade vor. Für den Rest der Zeit wurde er von der Gastmutter dazu verdonnert, nur noch gemeinsam mit dem anderen dort untergebrachten Teilnehmer nach hause zu kommen - obwohl die beiden sich nicht sonderlich mochten. Großartige Lösung für das Problem. Echt vorbildlich.
Als wir dann irgendwann nach elf zurück in unserem B&B waren - für uns gab es keine Gastfamilie - klingelte erneut das Telefon: Dieses Mal fehlte ein Mädchen. Die Gastfamilie hatte es noch zu einer Freundin gelassen, und von der war es nicht pünktlich zurückgekehrt. Das Mädel ging glücklicherweise sofort ans Handy, und es hatte schlicht die Bushaltestelle verpasst - kein ungewöhnlicher Fehler auf der IOW, denn es gibt nicht nur keine Ansagen in den Bussen, sondern nicht einmal Buspläne, auf denen alle Haltestellen stehen. Man muss also schon sehr genau wissen, wo man hin will. Tja, und der Bus in die andere Richtung kommt abends auch nur noch stündlich, also stand sie hilflos in der Gegend rum. Auf die Idee, die Gastfamilie anzurufen, war sie nicht gekommen. Aber die Gastfamilie war ja auch nicht auf die Idee gekommen, sich gleich zu Anfang die Telefonnummern der Kinder geben zu lassen, um ggf. selbst dort anzurufen …
Nach einigem Hin und Her bin ich schließlich so lange bei ihr am Telefon geblieben, bis ihr Gastvater ihr die Tür geöffnet hat. Sie war nämlich auch nach Erreichen der richtigen Haltestelle nicht sicher, ob sie den Weg kennt. Ein traumhafter Start in 2 Wochen IOW also. Als der Adrenalinschub langsam nachließ, ging es dann nach 44 Stunden auf den Beinen endlich ins Bett. Wenn auch nur für 6 Stunden …
August 17th, 2010 at 22:29
Solche Geschichten sind der Grund warum ich nie…aber nie und nimmer mit irgendwelchen Menschen direkt beruflich zu tun haben möchte^^