Keine Kinderstube …

Wie es sich für jemanden gehört, der sich bereits mit 22 Jahren dafür bezahlen ließ, dass er den ganzen Tag damit zubrachte, anderen Menschen zu sagen, was sie falsch machen, beklage ich ja  auch offline gern den Zustand der Gesellschaft, mangelnde Erziehung, verrohende Sitten und was mir sonst noch unterkommt - und zwar zumeist von Leuten, die älter sind als ich. Über die Jugend jammern kann ja jeder, das macht wenig Spaß. Dass ich mit meinen Erziehungsversuchen jedoch Erfolg habe, passiert eher selten …

Vorhin in der recht vollen S-Bahn: Zwei Frauen - Mitte 30, durchgestylt bis aufgetakelt - bewegen sich auf unsere Vierersitzgruppe zu, in der noch ein Sitzplatz frei ist. Eine setzt sich hin, die andere stellt sich neben mich, in der Hand etwas Plastikmüll. Die Türen schließen, die Bahn fährt an - und die Frau lässt ihren Müll auf den Boden fallen. Ich gucke runter, ziehe die Augenbrauen hoch, gucke zu ihr hoch, gucke ihre Freundin an und schüttele den Kopf. Die Frau neben mir fängt an zu kichern. Ich gucke sie an und sage: “Es gibt hier auch Mülleimer.” “Oh, wirklich”, kichert die Frau weiter, “das wusste ich gar nicht!” “Nun wissen sie es ja”, sage ich. “Tja”, kichert die Frau, “aber das ist mir ja nur runtergefallen.” “Dann können Sie es ja aufheben.” Die Freundin guckt zu Boden und hält sich die Hand vors Gesicht. Der Mann neben mir grinst aus dem Fenster. Die Frau mir gegenüber grinst zum anderen Vierer rüber. Gespräche um uns herum verstummen. “Heben *Sie* es doch auf”, schlägt die Müll-Frau vor. Ich gucke sie an, meine Augenbrauen verschwinden fast in meinem Haaransatz. “Warum sollte *ich* Ihren Müll aufheben?” Ich gucke wieder weg. “Weil ich gerade einen Schwächeanfall habe.”

“Ach so”, sage ich, “ja, klar. Machen Sie sowas zuhause eigentlich auch?” “Ja”, sagt sie. “Ach so”, sage ich, “ja dann. Also ich habe ja gelernt, wie man Mülleimer benutzt. Und dass man weder zuhause noch in der S-Bahn seinen Müll einfach auf den Boden wirft.” Sie murmelt etwas vor sich hin, das ich aber nicht verstehe, ich vermute, es war Spanisch. Also fahre ich nach kurzer Pause fort: “Naja. Schade, wenn man keine Kinderstube hat.” An diesem Punkt fällt ihr auf, dass sie der deutschen Sprache eigentlich kaum mächtig ist: “Sorry, I don’t understand German.” “Oh, no problem, we can continue in English.”

Schweigen. Die S-Bahn hält. Einen Vierer weiter steht ein Mann auf und steigt aus. Die Frau hebt ihren Müll auf, setzt sich auf den freien Platz und wirft den Müll in den Mülleimer. Der Mann neben mir prustet kurz los, fängt sich aber gleich wieder. Die Frau mir gegenüber lacht, die Leute auf dem Vierer neben uns ebenfalls.

Und ich genieße meinen inneren Reichsparteitag. ;o)

One Response to “Keine Kinderstube …”

  1. Will Says:

    Tja es hat schon seine Vorteile, dass die meisten in dieser Gesellschaft Männer mit 195cm und kräftiger Statur für gewaltbereitse Schläger halten. Ab diesem Punkt:
    — “Tja”, kichert die Frau, “aber das ist mir ja nur runtergefallen.” “Dann können Sie es ja aufheben.” —

    Hätte es bei mir geheissen: “Aufheben oder Verdauen. Und egal, ob Du eine dämliche Tussi bist, oder nicht!”

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