Kiezgedanken
Wenn Schisser wie ich mal einen Arzt gefunden haben, dem sie bzgl. der Spritzen vertrauen, dann wechseln sie den natürlich nicht so einfach wieder. Ich wohne mittlerweile zwei Jahre und acht Monate nicht mehr auf St. Pauli, aber meinem Doc bleibe ich treu. Und immer, wenn ich bei ihm bin, merke ich wieder, dass ich nicht nur ihm, sondern auch “meinem” Viertel treu geblieben bin. Zumindest im Herzen. Klar: Wenn man am Wochenende auf dem Kiez feiert, hat das mit Heimat nicht viel zu tun. Oder zumindest nicht vor 4 Uhr morgens. Dann lichten sich die Reihen langsam, die Junggesellenabschiede steigen halbkomatös ins Taxi, die aufgetakelten Mimis verschwinden mit den durchgestylten Kevins zum Restefic romantischen Candle-Light-Dinner, die Freiheit leert sich, der Berg bebt weiter und in den richtigen Lokalitäten holt sich der Paulianer noch ein Astra. Wer hier hingehört, geht jetzt zum gemütlichen Teil des Abends über: Klönschnack mit den Jungs. Oder Mädels natürlich, aber Geschlechterfragen sind dabei ohnehin irrelevant.
Dreht man die Uhr etwas weiter, trifft man die Menschen, denen dieses Viertel eigentlich gehört, nach ein paar Stunden Schlaf wieder. Wer feiern kann, kann schließlich auch arbeiten. Und genau diese Klientel kann man auch im Wartezimmer meines Docs antreffen. Sie sind einfach, ehrlich und direkt. Und natürlich: gaaanz suutje. Für die Auswärtigen: Das bedeutet “ruhig, entspannt, unverkrampft”.
Die Arzthelferin ist keine kleine, schlanke, blondierte Mandy, sondern eine große, burschikose Michaela* mit einer echten Hamburger Schnauze. Der Arzt ist mit den meisten Patienten per Du, im Gegensatz zu Michaela ist sein Ton aber nicht flapsig, sondern eher liebevoll-väterlich. Es sei denn, ein einsamer Ex-Junkie wuselt durchs Wartezimmer (und hätte andernorts wohl schon die Hälfte der Wartenden ganz wuschig gemacht - aber hier stört sich niemand daran). Dann kann er auch streng werden.
Auch Michaela duzt mindestens 70% der Kundschaft, vorzugsweise die älteren Männer, mit denen sie gern und ausgiebig Frötzeleien austauscht, während sie warten. Ein ausgiebiger Hustenanfall erntet hier ein “Rauch doch noch eine”, und wird nicht gleich auf einen Spruch reagiert, fragt Michaela sehr schnell: “Heinz, lebst du noch?” Das ist dann die ideale Vorlage für Erwin, der ihr darauf quittiert, nur so besorgt zu sein, weil sie sonst den Ärger mit der Leiche hat: “Weiße nich wohin mit die Übareste, nech?” Aber nee, Michaela ist ehrlich besorgt, denn “Och, dascha kein Problem, wir ham große Contehners unten!” In keinem anderen Wartezimmer kann ich so lange warten, ohne dass ich irgendwann total genervt bin. Und offensichtlich bin ich nicht allein damit, diese Szenen als typisch paulianisch zu empfinden, denn letztes Jahr erzählte Michaela mir, dass die Praxis in einer Mini-Doku-Serie über den Kiez vorkam. Gut gewählt von den Machern. Leider konnte ich das nicht gucken.
Naja. Ich hab nix gegen die Veddel. Ist schön hier, so mit Elbblick und ohne Uringestank auf dem Weg zur S-Bahn. Aber das Volk ist einfach nicht so meins. Heimat bleibt St. Pauli.
*Natürlich heißt sie nicht wirklich Michaela, aber der Name würde ebenso gut zu ihr passen, wie es ihr richtiger Name tut.
Mai 18th, 2010 at 22:56
Na ja, Michaela…
ne Schnauze wie Erna scheint sie zu haben, und auch das Herz dazu. ;) Aber dann wär sie schon 75, mindestens…
Mai 20th, 2010 at 00:39
Eben, Erna wäre viel älter. Vermutlich ist Michaela die Tochter von Erna.