Oh Zeiten, oh Sitten!

Ich bin nun wirklich keine Paradestudentin. Weder für das Klischee vom lässigen Leben der Partystudis, noch auf dem anderen Ende der Skala, wo ich durchaus einige meiner Freunde und Bekannten ansiedeln würde, die praktisch für die Uni geboren sind. Ich gehe da eben hin, weil mein Berufsziel auf keinem anderen Weg zu erreichen ist, und ich mache das, was nötig ist, um möglichst schnell fertig zu werden. Da ich die Uni aber grundsätzlich als einen Luxus betrachte, den ich mir mit meinen Jobs leiste, ist sie für mich letztlich immer zweitrangig und ich gebe zu, dass ich vermutlich bessere Noten kriegen könnte, wenn ich etwas mehr Energie in meine Unisachen zu investieren bereit wäre.

Was hat diese Vorrede für einen Sinn? Ganz einfach: Ich habe viel Verständnis dafür, dass man nebenher noch andere Dinge zu tun hat, und kann nachvollziehen, dass man manche Aufgaben eher halbherzig erledigt. Wofür ich jedoch gar kein Verständnis habe, ist das Verhalten vieler Studenten bei Gruppenarbeit. Und noch weniger Verständnis habe ich für Dozenten, die ihren Studenten die Pistole auf die Brust setzen, wenn es um den Scheinerwerb in Gruppen geht.

Im letzten Semester habe ich an einem Seminar teilgenommen, zu dem gut 70 Studenten angemeldet waren. Regelmäßig anwesend waren in den Seminarsitzungen ungefähr 20-30, und ich habe es dem Dozenten zunächst hoch angerechnet, dass er nicht nur alle Interessierten zugelassen hat, sondern auch keine Anwesenheitsliste benutzt hat. Zu starres Beharren auf den Regeln halte ich für überflüssig an einer Universität, und insbesondere der Punkt Anwesenheit wird durch die fast überall streng geführten Anwesenheitslisten überstrapaziert. Schließlich haben alle Beteiligten mehr davon, wenn nur diejenigen Leute im Raum sind, die auch Interesse am Thema haben und mitarbeiten.

Leider hing der Scheinerwerb aber untrennbar an der Referatsgruppe, in der man gelandet war: Entweder bestehen alle - oder keiner. Und in unserer Gruppe kristallisierte sich sehr schnell heraus, dass es dabei ein Problem geben würde. Schon das Referat wurde hauptsächlich von zwei Personen bestritten, die anderen haben eine Leistung erbracht, die dem Begriff “Fremdschämen” eine neue Dimension hinzugefügt hat. Um den Schein zu erhalten, war aber selbstverständlich auch eine schriftliche Arbeit nötig, und diese sollte eine Art erweitertes Arbeitsprotokoll sein, das von der gesamten Gruppe geschrieben werden musste. Man ahnt es schon: Das kann nicht klappen, wenn es schon bei einem simplen Referat unmöglich war, die vernünftige Mitarbeit aller zu erreichen.

Wäre es nur um mich gegangen, hätte ich es einfach gelassen, auf den Schein verzichtet und im nächsten Semester ein Seminar gewählt, in dem ich die Hausarbeit allein schreibe - macht mir zwar auch keinen Spaß, aber wenn ich auf mich allein gestellt bin, weiß ich zumindest, dass es klappt. Mein einziger Verbündeter in dieser Gruppe hatte aber wichtige Gründe, den Schein nicht aufzugeben, und so habe ich selbstverständlich mitgemacht - und voraussichtlich dafür gesorgt, dass drei Leute einen Hauptseminarsschein bekommen, die keinen verdient haben. Und eine Person davon ist meiner Meinung nach komplett falsch im Germanistikstudium. (Wohlgemerkt: Im Bachelor-Studium fürs Grundschullehramt mit dem Unterrichtsfach Deutsch.) Warum? Seht selbst - hier ein paar Auszüge aus dem, was uns als “fertig” abgegeben wurde:

  • “Unsere Aufgabe war, die Tarot-Karten, das Kartenlegen und der germanische Runen. Also nicht nur der Bezug auf die Historische Herkunft der Karten sondert mehr auf die Bedeutungen der Karten, das Kartenlegen und wie die Menschen aus diesen Karten die Symbole sehen und Interpretieren. Natürlich auch wie man es erklärt die Karten aus mehreren Seiten zu sehen und wie sie uns die Zukunft beweisen. Als wir es Inhaltlich es analysiert haben, mussten wir dabei auch zeigen und erklären können und mit Praktischen wissen und  Bezug zu den  Karten wie sie uns und den Menschen es beweisen dass sie die Zukunft zeigen.”

 

  • “Also die arbeit sollte erstmal mit der kurz Erklärung aus der Historischen Hinsicht anfangen dann aus einer Literatur was wirklich eine Karte bedeuten soll und zunächst sollte der Symbolbegriff erklärt werden.”

 

  • “Jede Karte hat seine eigene Bedeutung und wird mit Hilfe ihrer Tarot Bücher erklärt.”

 

  • “In dem Seminar besprachen wir erstmal wie wir uns gedacht haben erstmal über die Historische Hinsicht. Mit der Reihenfolge zuerst was Tarot ist? Was für Symbole die einzelnen Karten haben,  was sie den Menschen sagen möchten. Danach kamen die Fragen wo wir uns eigentlich nicht nur die Bedeutungen sondern Inhaltlich wie sie uns es Beweisen zu erklären.”

 

  • “Aber durch die Erklärungen von den Literaturen hat man zum Schluss ein  gemeinsames denken.”

 

  • “Also auf diese Zeichen haben die Menschen Jahre lang sich Interessiert. Also man muss  die Symbole gut verstehen können damit man eine Theorie führen kann.”

8 Responses to “Oh Zeiten, oh Sitten!”

  1. Buzzi Says:

    Bitte sag, dass das ein Erasmus Student war! Liest sich wie mit Leo geschrieben..

  2. Loco Says:

    Ich dachte, um in Deutschland an die Universität zu kommen, müsse man ein Abiturzeugnis und ggfs. einen Sprachnachweis besitzen…
    Das sind ja schon französische Verhältnisse (5% Analphabeten unter den Abiturabsolventen (!))!

  3. Druzilla Says:

    @Buzzi: Ich muss dich enttäuschen: Die Verfasserin ist Deutsche “mit Migrationshintergrund”, wie es so schön heißt, aber hier geboren, aufgewachsen und in Anbetracht der Fächerwahl wohl auch davon überzeugt, keinerlei Probleme mit der Sprache zu haben. Ich mein, bei anderen Berufszielen ist das ja ggf. auch nachrangig - aber sie will *Deutschlehrerin* werden, for Pete’s sake!
    Mein Tandempartner, seines Zeichens englischer Erasmus-Student, schreibt sehr viel besseres Deutsch.

    @Loco: Den Sprachnachweis müssen nur Studenten bringen, die ihre Hochschulzugangsberechtigung im Ausland erworben haben … Aber wie die Dame ein Abitur geschafft hat, das ihr ohne lange Wartezeit einen Studienplatz in HH verschafft hat, frage ich mich auch.

  4. Buzzi Says:

    “Den Sprachnachweis müssen nur Studenten bringen, die ihre Hochschulzugangsberechtigung im Ausland erworben haben … ”
    Eine Freundin von mir hat das gerade hinter sich. Geboren, aufgewachsen und zur Schule gegangen in Bern. Dass sie in der Deutsch-Schweiz natürlich Schulunterricht in Hochdeutsch genossen hat ist ja klar. Die 180€ für den tollen Deutschtest musste sie aber berappen um hier studieren zu dürfen. Unser Land ist so sinnlos!

  5. Nici Says:

    Oh mann, so traurig es ist: ich habe gerade Tränen gelacht *schnief*

  6. Rezi Says:

    Ich kann langsam nachvollziehen, wie sich meine Großeltern gefühlt haben, als sie auf den Nachwuchs geschaut haben und dabei die Augen verdrehten mit den Worten “… und die wollen mal Verantwortung übernehmen? Da möge der Himmel davor sein!”
    Ganz ehrlich? Mir wird Angst und Bange bei sowas.

  7. Will Says:

    Ich weiß nicht was ihr habt. *grübel*

    Genau diesen Akzent und Wortwahl erwarte ich doch auf dem Jahrmarkt von der Tante die mir die Karten legt…

    Das ist sowas von authentisch!

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