The far too long and curiously boring case of Benjamin Button
Da ich gestern dringend Ablenkung brauchte, war ich im Kino. Wir wollten “Der seltsame Fall des Benjamin Button” gucken und haben uns zur Spätvorstellung getroffen, was leider ein Fehler war: 166 Minuten ist der Schinken lang! Schauspielerisch und technisch kann man nichts gegen den Film sagen, aber die Story war leider echt nichts für mich. Und damit meine ich nicht das grob bekannte - Benjamin wird als “alter Mann” geboren und altert dann rückwärts, während er nebenbei eine dramatische Liebesgeschichte mit Daisy erlebt - sondern vor allem das Drumrum und die Details. Wer den Film also noch gucken will: Vorsicht, jetzt gibt’s ne Inhaltsangabe und entsprechend viele Spoiler.
Der Film beginnt mit einer unnötigen, unpassenden und furchtbaren Rahmenhandlung: Eine alte Frau liegt im Krankenhaus in New Orleans im Sterben. Sie hat trotz unbegrenztem Schmerzmittelzugriff sehr starke Schmerzen, ihre Atmung wird schwerer, sie beginnt, zwischendurch scheinbar zusammenhanglos zu faseln - das volle Programm, das meiner Meinung nach kaum ein Mensch sehen will, weil er entweder Angst haben muss, seine Lieben genauso sterben zu sehen oder es vielleicht sogar schon erlebt hat. Nebenbei rast Hurricane Katrina auf New Orleans zu. Was das soll, fragt man sich auch - abgesehen von der Datierung der Rahmenhandlung ist es für nichts in der Story gut.
Die sterbende Frau bittet ihre Tochter, ihr aus einer Art Tagebuch vorzulesen. Sie nennen es so, aber es stellt sich heraus, dass es kein Tagebuch im eigentlichen Sinne, sondern eher eine Autobiographie von Benjamin Button ist. Vorher erzählt sie aber noch eine gänzlich überflüssige Geschichte von einem Uhrmacher, der eine Uhr für den Bahnhof von New Orleans machen sollte, und dessen Sohn im Krieg gefallen war. Wegen seines Verlustes schuf er die Uhr so, dass sie rückwärts lief - in der Hoffnung, dass dann auch die Zeit rückwärts laufen werde und die Toten vielleicht zurückkehren. Der Tochter ist unwohl beim Lesen des “Tagebuchs”, weil man Tagebücher ja schließlich nicht liest. Anderer Leute Autobiographien liest man aber schon, von daher hätten sie es entweder wirklich als Tagebuch gestalten sollen oder diesen Teil weglassen. Eine weitere von vielen Unsinnigkeiten.
Anyway. Benjamin wird geboren am 11.11.1918, pünktlich zum Ende des 1. Weltkriegs. Seine Mutter stirbt im Kindbett, sein Vater ist deshalb schon vor dem ersten Blick auf ihn verzweifelt und dreht durch, als er ihn sieht: Ein Baby in Form und Größe, aber noch hässlicher als üblich. Er rennt wie ein Wahnsinniger mit dem Kind durch die Stadt und setzt das scheinbare “Monster” auf der Treppe eines Hauses aus. Wie es der Zufall will, ist dieses Haus ein Altenheim, in dem Queenie - unfruchtbar, religiös, großherzig und mit Kinderwunsch - arbeitet und lebt. Sie findet ihn, nimmt ihn zu sich und gibt ihn als ihren Neffen aus. Ein Arzt stellt fest, dass er taub, blind und arthritisch ist und auch sonst diverse Alterserscheinungen hat, die einem 85-jährigen entsprechen. Er prognostiziert ihm deshalb einen baldigen Tod, doch Benjamin wächst und “gedeiht”, denn sein Körper wird immer jünger.
Ab hier könnte es eigentlich ganz witzig sein: Ein Kind im Körper eines alten Mannes, das entsprechend behandelt wird. Als er gesundheitlich fit genug ist, heuert er spontan auf einem Boot an, und der Kapitän schleppt ihn anschließend in einen Puff. Er trifft auf seinen Vater, mit dem er sich zum ersten Mal besäuft - ohne zu wissen, dass es sich um seinen Vater handelt. Er lernt Daisy kennen, ein kleines Mädchen - technisch gesehen nur 6 Jahre jünger - und seine zukünftige große Liebe. Und so weiter. Leider wird immer mal wieder in die Rahmenhandlung geschaltet, z.B. als er Daisy kennenlernt, denn dies ist der Anlass, die Verbindung zwischen beiden Geschichten herzustellen: Die alte, sterbende Frau ist Daisy. So wird dafür gesorgt, dass Benjamins Story ja nicht zu unterhaltsam und leicht wird.
Mit 17 (oder besser: 17 Jahre nach seiner Geburt, körperlich also mit ungefähr 68) zieht er mit dem zuvor kennengelernten Kapitän in die große, weite Welt. Wir rechnen nach: Das ist also ungefähr 1935, in Anbetracht der Jahreszeit zur Abreise vermutlich eher 1936. Sie arbeiten u.A. eine ganze Weile in Russland, wo er eine Affäre mit einer verheirateten Frau beginnt. Weshalb er das tut, wird nie ganz klar, denn sie ist weder attraktiv (Tilda Swinton!), noch wird sie als offen oder gar sympathisch gezeigt. Sie begegnen einander in der Hotellobby, als beide nicht schlafen können, reden miteinander - scheinbar nur über Tee und ihren Mann - und haben irgendwann eine Affäre. Sie verschwindet dann 1941 genauso plötzlich, wie sie erschienen ist, und wegen des Angriffs auf Pearl Harbour tritt die Besatzung des Schleppers, auf dem Benjamin arbeitet, in den Dienst der Marine. Eines Tages rammen sie ein U-Boot, es wird viel rumgeballert und die meisten sterben, aber aus irgendeinem nicht benannten Grund überlebt er, obwohl er nicht mal eine Schwimmweste hatte.
Zurück in den Staaten gibt es ein Zusammentreffen mit der nun 21-jährigen Daisy, die ihn (27 im Körper eines 58-jährigen) anbaggert, aber er lehnt ab und sie verschwindet wieder nach New York, wo sie als Tänzerin arbeitet. Sein Vater liegt einige Zeit später im Sterben und beichtet ihm endlich, dass er sein Vater ist.
Einige Jahre später: Daisys Karriere wird durch einen Unfall in Paris abrupt beendet, er fliegt zu ihr und bietet an, sich um sie zu kümmern, aber sie lehnt ab und schickt ihn weg. Jahre später taucht sie in New Orleans auf, die beiden beginnen endlich die lang antizipierte Beziehung, sie verbringen die 60er Jahre weitgehend im Bett, von der Außenwelt wird nichts gezeigt, außer der Beerdigung seiner Pflegemutter Queenie. 1967 - Daisy ist 43, Benjamin 49/körperlich 36, wird Daisy schwanger. Ab hier wird es dann echt nervig: Benjamin verlässt Daisy und die Tochter am ersten Geburtstag der Tochter (also irgendwann 1969), weil er Daisy angeblich nicht zumuten will, dass sie zwei Kinder ohne Hilfe “großziehen” muss, wenn er zu jung wird, um ein Vater zu sein, und weil er die Tochter früh genug verlassen will, damit sie keine Erinnerungen an ihn hat.
Is’ klar: Mit körperlichen 34 ist das ja auch dringend nötig. Erneut überschlagen wir kurz: Körperlich würden sich Tochter und Vater “treffen”, wenn die Tochter 18 ist. Geistig lässt er ja aber die ganze Zeit nicht nach, er hat all seine Erinnerungen und hätte also die ganze Zeit problemlos ein Vater sein können, wenn er sich nur der Aufgabe gestellt hätte, die er ja ach-so-gern erfüllt hätte. Das ist für später noch “wichtig”.
Daisy soll einen besseren Vater für die Tochter finden, als er es sein kann - er hinterlässt ihr aber zumindest sämtliches Gut und Geld, was er auftreiben kann. Er schlägt sich mit Jobs in der Welt durch und schreibt jedes Jahr eine Postkarte an seine Tochter, auf der steht, wie gern er bei ihr wäre etc. - diese Postkarten liest die Tochter jedoch erst in der penetrant eingestreuten Rahmenhandlung und ist wahnsinnig wütend, so zu erfahren, dass ihr vermeintlicher Vater gar nicht ihr Vater war. Man fragt sich, was das mit den Postkarten soll, denn er war ja derjenige, der entschieden hat, dass seine Tochter ihn nicht kennen soll.
1980 kommt er dann kurz wieder, mit inzwischen 62/24, die Tochter ist 12, Daisy 56 und verheiratet mit einem Mann, den die Tochter für ihren leiblichen Vater hält. Daisy und er haben in seinem Hotelzimmer noch ein letztes Mal Sex, dann sehen sie sich erst wieder, als er mittlerweile ein präpubertärer Teenager mit Altersdemenz ist, vom Jugendamt aufgegriffen wird und im Altersheim abgeliefert wird, in dem er “aufgewachsen” ist. Den Anruf bei Daisy erklären sie damit, dass ihr Name überall in seinem Tagebuch auftauchte, aber wie die Polizei, die ihn für einen Teenie hält, wissen konnte, dass er in dieses Altenheim gehört, wird nicht erklärt.
Wenig später, Daisys Mann ist mittlerweile tot und die Tochter erwachsen, zieht Daisy ins Altenheim und pflegt Benjamin bis zu seinem Tod als Säugling. Nett: Die potenziell guten und glücklichen Jahre der frischen Elternschaft mit ihm hat er ihr also erspart, indem er sie mit einem Kind zurückließ und selbst unabhängig durch die Welt gegondelt ist, aber als alte Frau pflegt sie ihn dann doch wieder.
Enden muss der Film dann natürlich wieder in der grauenvollen Rahmenhandlung, Daisy stirbt - man muss schon sagen endlich - und der Hurrikan erreicht New Orleans. Ach ja, und die rückwärts laufende Uhr, die mittlerweile irgendwo im Keller rumliegt, wird überflutet. Wenn ihr diese Zusammenfassung lang findet, erinnert euch: 166 Minuten! Rahmenhandlung weg, Unerklärtes weg, natürlich mit Ausnahme der auch niemals erklärten Krankheit, die ja die Story erst ermöglicht - und der Film hätte eine angemessene Länge und wäre sogar ganz nett. Aber so hat er natürlich mehr Chancen auf Oscars.
Mai 1st, 2009 at 19:33
Ich bin neulich in der Bahnhofsbuchhandlung auf die “echte” Geschichte von Benjamin Button gestoßen.
Das ist eine Erzählung von etwa 50 Seiten, aus der Feder von F. Scott Fitzgerald.
Roger Button geht in die Entbindungsstation, um sein Neugeborenes und seine Frau zu besuchen, und alles ist in heller Aufregung. Man gibt ihm sein Kind mit, einen Greis von über 70 Jahren, und will ihn nie wiedersehen.
Roger Button versucht mit allen Mitteln, den Greis zum Kind zu machen, aber der interessiert sich nicht für Stofftiere etc. Haarefärben und Rasieren akzeptiert er aber schließlich - säuft aber Vaters Schnapsschrank leer und raucht heimlich.
Aus der Uni fliegt er raus, weil zu alt… also übernimmt er Vaters Geschäft.
Er heiratet irgendwann mit scheinbar gut 50 eine junge Frau, die (meiner Interpretation nach) einen Vaterkomplex hat und tatsächlich seines Alters ist.
Mit der Zeit wird er aber immer jünger und seine Frau immer älter… irgendwann lassen sie ihn bei der Armee, wohin sie ihn, den Reservisten, einberufen hatten, nicht mehr rein. Dafür geht er nun endlich studieren, mit über 50, weil er wirkt wie 20. Sein Sohn wirkt inzwischen älter als er und ist entnervt über die Allüren seines Vaters…
der wird kindischer und kindischer, kommt irgendwann unter die Fuchtel eines Kindermädchens, die sich aber gar nicht wundert, weil er ja auch nur noch Kindsgröße hat. Eines Tages legt er sich in der Wiege, in der er blöd vor sich hinsabbelt, hin, alles wird schwarz um ihn - Ende.
Für Hollywood natürlich etwas schmalbrüstig; ich hab keine zwei Stunden gebraucht, um die Novelle zu lesen - allerdings nicht auf englisch, da hätte ich zwei Tage gebraucht. Aber ansprechend geschrieben und vielleicht für einen Fernsehfilm tauglich.